Moscheengemeinde

Verein zur Förderung der islamischen Kultur in Österreich Tewhid Moschee

Der Verein

Der Verein wurde am 30. April 1997 in Wien gegründet und nach dem neuen Islamgesetz von 2015 als Moscheegemeinde beim Kultusamt eingetragen. Moscheegemeinden sind Teile der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, die zugleich selbstständige Körperschaften öffentlichen Rechts sind. Sie haben für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder und für die Bereitstellung der dafür erforderlichen Einrichtungen zu sorgen. Vereinsobmann vertritt die Moscheegemeinde nach außen. 

Die Moschee wurde in den letzten Jahren wegen ihres Predigers Muhammed F. Porča immer wieder zum Thema politischer und öffentlicher Diskussionen. In den offiziellen Dokumenten wird der Name Porca nicht mehr erwähnt. Dass er als charismatische Person seine Wirkung auf den Verein verloren habe, kann nicht gesagt werden. Er hat nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen Ländern Europas zahlreiche Sympathisanten (Racimora 2013, 15).

Nach dem Attentat im November 2020 entzog die IGGÖ dieser Moschee die Rechtspersönlichkeit. Im April 2021 stellte das Schiedsgericht der IGGÖ fest, dass für die Vorwürfe des Innenministeriums keine Beweise erbracht worden seien, daher hob die IGGÖ den Verbotsbeschluss wieder auf.
Im Rahmen ihrer Moscheeaktivitäten organisiert Tewhid-Moschee Pilgereisen (Hadsch) nach Mekka. Ob die Moschee diese Reisen mit einer Sondergenehmigung der saudischen Regierung organisiert, kann aus der Internetseite des Vereins nicht entnommen werden.

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Tewhid-Moschee in Meidling
 

Ausrichtung des Vereins

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Salafismus

Das Wort Salafismus leitet sich vom arabischen Wort „Salafiyya“ ab und bezeichnet eine islamische Bewegung, deren Anhänger sich an der religiösen Praxis und den überlieferten Handlungen des Propheten Muhammad und der ersten drei Generationen von Muslimen (as-Salaf as-Salih, der frommen Altvorderen) orientieren. Der Salafismus ist eine sehr heterogene, transnationale Bewegung – nicht im Sinne einer Organisation, sondern eher in der Bedeutung eines „Gedankenguts“, welches eine gemeinsame Basis hat. Aber aufgrund unterschiedlicher zeitlicher Entwicklungen und beeinflusst durch lokale Gegebenheiten und internationale politische Geschehnisse bildeten sich verschiedene Strömungen und Untergruppierungen heraus, die in ihrer Glaubenspraxis sehr unterschiedlich sind und sich teilweise sogar widersprechen.

Eine der bekanntesten Typologien, nicht nur im wissenschaftlichen, sondern auch im politischen Bereich, ist jene, die von Wiktorowicz auf Grundlage seiner Forschungen in Jordanien entwickelt wurde. Es handelt sich um eine dreiteilige Unterscheidung: 1. gewaltlose, quietistische Puristen, 2. Gewalt ablehnende Politakteure und 3. Gewalt bejahende Dschihadisten (Wiktorowicz 2006, S. 208). Die Puristen sehen es als ihre Mission, Menschen mittels daʿwa zum richtigen Islam zu bekehren und auf dem Wege einer Transformation des Individuums durch Reinigung und religiöse Bildung eine gesellschaftliche Transformation zu erreichen. Die politische Strömung, also die 2. Gruppe, fordert auch ein der šarīʿa entsprechendes politisches System und engagiert sich dementsprechend politisch, wobei sie Gewalt als Instrument ablehnt.

Der politische Islam als Grundlage für den wachsenden Salafismus

Im 20. Jahrhundert sahen sich die Muslime unter größerem Druck, nicht nur dem Niedergang, sondern auch der Kolonialisierung der islamischen Länder entgegenzutreten. Ḥasan al-Bannās Organisation der Muslimbruderschaft kann als eine der ersten Bewegungen verstanden werden, die sich den Widerstand gegen die hegemonialen Ansprüche des Westens auf die Fahnen schrieb. Nach bescheidenen Anfängen wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg eine weltweit wirkende politische Bewegung, die außer in Ägypten auch im Libanon, in Jordanien, Palästina, Marokko und Tunesien ihre Anhänger fand. Damit stiegen die gesellschaftlichen und politischen Ansprüche dieser Organisation – bis zu dem Punkt, an dem sie die einzige Lösung der Probleme der muslimischen Welt in der Gründung eines islamischen Staates sah.

Al-Bannā konnte seinen Staatsideen keine Strukturen geben. Allerdings gelang es Quṭb (gest. 1966), die Idee des islamischen Staates nicht nur als politische Theorie, sondern als praktische revolutionäre Aufgabe der Muslime zu definieren. Ihm ging es nicht darum, ob der Islam einen islamischen Staat vorschreibt, er sah seine Aufgabe darin zu überlegen, wie ein islamischer Staat zu gründen sei.

Dazu der folgende qurʾān-Vers:

"Das ist Allāh, euer wahrer Herr. Was sollte also nach der Wahrheit (übrig) bleiben als der Irrtum? Wie lasst ihr euch abwenden?" (Yūnus:32).

"Es gibt nur einen Ort auf der Erde, welcher „Haus des Ìslām“ (Dar-al-Ìslām) genannt werden kann; nämlich der Ort, an dem der ìslāmische Staat errichtet ist und die Sharī’a die Autorität ist und Allāhs Gebote und Verbote beachtet werden und in dem alle Muslime die Angelegenheiten des Staates aufgrund der gegenseitigen Beratung verwalten. Der Rest der Welt ist das Haus des Krieges (Dar al-Harb)" (Qutb 2005, S. 159).

In dieser Tradition steht auch Abdülkadir Udeh, der den Islam nicht nur als Religion, sondern als eine politische Ordnung (daula) sah. Nach ihm sind die Eigenschaften eines islamischen Staates 1) eine durch den qurʾān begründete Regierung, 2) das Prinzip der gegenseitigen Beratung, 3) eine Regierung des Kalifats (ilāfa bzw. imāmāt) (Eliacik 2012, S. 343). Im Zentrum dieser Theorie steht nicht das System, wie in der Theokratie oder Demokratie, sondern die Autorität des Kalifats. Nach ihm ist die Errichtung des Kalifats eine Pflicht für alle Muslime (Udeh 1982, S. 124)

Maududi (gest. 1979) sah in der Gründung des islamischen Staates die zentrale Aufgabe der Muslime. Gemäß seinem berühmten Werk „Regierung im Islam“ schreibe der Islam den Muslimen einen islamischen Staat vor. Zu den Aufgaben der Propheten gehöre es, einen solchen Staat nach dem Willen Gottes zu errichten (Maududi 1960, S. 43).

In der schiitischen Welt wurden ähnliche Bestrebungen von Shariati, Mutahhari, aber vor allem von Khomeini vorangetrieben. Nach der Theorie von walāyat al-faqīh ist die Führung der islamischen Gelehrten in einem islamischen Staat Teil der prophetischen Tradition.

"The Sunnah and path of the Prophet(s) constitute a proof of the necessity for establishing government. First, he himself established a government, as history testifies" (Khomeini o. A., S. 18).

In diesem Werk wird die Gründung eines islamischen Staates nicht nur aus den aktuellen politischen Ereignissen heraus, sondern aus den Quellen des Islams heraus begründet bzw. als eine Pflicht für die Muslime dargestellt. Basierend auf der zentralen Rolle der Gelehrten wird eine eigene Art der Republik als notwendig angesehen, der Säkularismus aber strikt abgelehnt.

Im Gefolge der iranischen Revolution und des Krieges in Afghanistan bekam die Debatte über die Gründung eines islamischen Staates neuen Schwung. Auf einmal hatten die Muslime das Gefühl, dass sie gegen die Supermächte Siege erringen können. Trotz der bitteren Erfahrungen mit der Gründung eines islamischen Staates in Pakistan, Ägypten und Tunesien usw. war es den Muslimen nicht möglich, die Gründung eines islamischen Staates aus ihrer politischen oder theologischen Agenda zu entfernen, weil diese Aufgabe eine intensive Auseinandersetzung mit der islamischen Geschichte und Theologie erfordert hätte. Dies hätte eine Neukonzipierung der Gesamtbildungslehre des Islams und der damit verbundenen Bildungseinrichtungen bedeutet. Sich dieser Aufgabe zu stellen wäre in den islamischen Ländern keine einfache Aufgabe gewesen.

Diese Krise spiegelt ganz klar auch das offene Schreiben von 120 Rechtsgelehrten aus den islamischen Ländern, die sie an den khalīfa des Islamischen Staates, Dr. Ibrāhīm ʿAwwād al-Badrī alias Abū Bakr al- Baġdādī, und an die Kämpfer und Anhänger des selbsternannten Islamischen Staates richteten. In diesem Schreiben werden zwar die Taten des IS theologisch in Frage gestellt bzw. kritisiert, nicht aber die Zielsetzung des IS, nämlich die Schaffung eines islamischen Staates unter der Herrschaft des islamischen Rechts.

Es gibt eine Meinungsübereinkunft unter den Gelehrten, dass das Kalifat eine Pflicht für die Ummah ist. Die Ummah hat seit 1924 kein Kalifat mehr. Jedoch benötigt ein neues Kalifat den Konsens der Muslime und nicht den Konsens einzelner, die in einer kleinen Ecke der Welt leben (madrasah.de 2014).

Diese Rechtsgrundlage in der islamischen Theologie bildet die religiöse Grundlage bzw. Legitimierung salafistischen Bewegungen, die man in der Praxis kritisieren, deren Ziele man theologisch aber nicht infrage stellen kann. Darüber hinaus haben die salafistischen Bewegungen in ihrer politischen Agenda die gleichen antiwestlichen Argumente, die von der breiten Mehrheit der muslimischen Welt befürwortet werden.

Aus diesem Grund lehnt der türkische Theologe Güler die Haltung derjenigen islamischen Gelehrten ab, die die Taten des IS und anderer salafistischer Organisationen als nicht „wahren Islam“ bezeichnen. Nach ihm liegt die Grundlage für diese Organisationen in der Lehre, die die Muslime selbst produziert und nie infrage gestellt haben (Güler 2015, S. 57‒60). Damit haben wir es in der Gegenwart mit der Tatsache zu tun, dass die salafistischen Bewegungen eine verbreitete, anerkannte Theologie in der islamischen Lehre im Präsens umsetzten und in ihren politischen Aktivitäten an die Theorien von Muslimbruderschaft, Milli Görüş oder Jamat-i Islami anknüpfen. Die Anhänger solcher Bewegungen als religiöse Analphabeten zu bezeichnen, entspricht weder den theologischen Grundlagen noch den politischen Wirklichkeiten der islamischen Welt (Onat 2015).

Aufkommen salafistischer Bewegungen in Österreich

Ein genaues Datum für das Aufkommen von salafistischen Bewegungen in Österreich zu nennen, ist aufgrund der dünnen Faktenlage schwierig. Es kann angenommen werden, dass der salafistische Islam nach wahhabitischem Vorbild bereits in den 1990er Jahren durch Migrationsbewegungen von MuslimInnen nach Österreich transportiert und hier reproduziert wurde. Ausschlaggebend hierfür waren jeweils zwei militärische Konflikte. Es handelte sich um den Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens bzw. den Bosnienkrieg zwischen 1992 und 1995 auf der einen Seite und den Konflikt in Tschetschenien zwischen 1994 und 1996 sowie 1999 und 2009 auf der anderen. Beide Ereignisse zogen das Eindringen ausländischer Kämpfer, sogenannter muǧāhidūn, aus arabischen Staaten in die jeweiligen Kriegsgebiete nach sich, die eine Theologie wahhabitischen Vorbilds mit sich brachten. In dem traditionell durch sufistische Strömungen geprägten Tschetschenien und in dem säkular geprägten Bosnien und Herzegowina verbreiteten sich in der Folge aufgrund von ausländisch finanzierter Missionierungsarbeit neofundamentalistische Tendenzen, die auch von den Diasporagemeinschaften in Europa aufgegriffen wurden (European Parliament 2013; Souleimanov 2005). Durch die Fluchtbewegungen aus diesen Ländern in Richtung Westeuropa ließen sich größere Gruppen von Menschen aus beiden Regionen in Österreich nieder. Das BMI geht nach eigenen Schätzungen von rund 30.000 TschetschenInnen in Österreich aus, ein Großteil davon lebt in Wien. Rund 206.000 Menschen in Österreich haben einen bosnischen Migrationshintergrund, davon kamen rund 90.000 in den Kriegsjahren der 1990er ins Land (Medienservicestelle 2015; 2014). Österreich spielte während des Bosnienkrieges eine zentrale Rolle bei der finanziellen und logistischen Unterstützung der bosnischen und ausländischen Kämpfer. Mehrere muslimische Unterstützungsgruppen wurden von Wien aus betrieben, darunter auch die Third World Relief Agency (TWRA). Deren Gelder – Schätzungen variieren von 350 Mio. bis 2,5 Mrd. US-Dollar – stammten zu einem großen Teil aus arabischen Ländern. Die TWRA half den bosnischen Kämpfern auch dabei, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erlangen (Alic 2007; Schindler 2007). Die muslimischen Diasporagemeinschaften wurden und werden durch die Entwicklungen in ihren Herkunftsländern beeinflusst. Die Konzepte einer salafistischen Ideologie und einer entsprechenden Lebensweise wurden von Muslim*innen in Österreich zum Teil adaptiert.

Gleichzeitig sind ab Mitte der 2000er Jahre österreichisch-salafistische Gruppen entstanden, die von Bewegungen aus dem deutschsprachigen Raum beeinflusst sind und diese ihrerseits beeinflussen. Diese dynamische und schnell wachsende Gruppe ist hauptsächlich von jungen Männern dominiert, wobei durchaus auch Frauen zu den Anhängerinnen zählen (Schmidinger 2013). Federführend im deutschsprachigen Raum ist hier vor allem die Lies!-Bewegung, die von der Initiative Die wahre Religion (DWR) aus dem Raum Köln/Bonn betrieben wird. Hinter DWR steht der radikale Prediger Ibrahim Abou Nagie, ein palästinensischer Einwanderer. Das Netzwerk spannt sich mittlerweile über elf europäische Länder (einschließlich der Türkei) und wurde inzwischen in Deutschland wegen Verfassungsuntreue verboten (Bundesamt für Verfassungsschutz 2016). In Österreich finden die Koranverteilungsaktionen unter dem Namen Lies! Österreich vor allem in größeren Städten wie Wien oder Graz statt. Auch in Österreich stießen die Aktionen vermehrt auf Widerstand und wurden auf lokaler Ebene zum Teil untersagt (Burgstaller 2015). Das neue Integrationsgesetz sieht vor, die Koranverteilungen in ganz Österreich zu verbieten. Die Finanzierung läuft nach Angaben von DWR über Kleinspenden von lokalen Unterstützern. Deutsche Sicherheitsbehörden haben Zweifel an diesen Angaben und vermuten ausländische Finanziers aus dem arabischen Raum dahinter (Spiegel Online 2012).

Auch der umstrittene salafistische Prediger Pierre Vogel, bekannt durch seine sogenannten Street-daʿwa, bei denen Personen auf öffentlichen Veranstaltungen zum Islam konvertieren, pflegte Verbindungen zu VertreterInnen des politischen Islams in Österreich. So zeigt ein Video Vogel beim Besuch eines islamischen Kindergartens in Wien beim Gespräch mit dem Betreiber Muhammed Ismail Suk, der der Szene des politischen Islams in Österreich zugerechnet wird (Aslan 2016; Einladung zum Paradies 2010).

Malthaner und Hummel zufolge liegen die Wurzeln einer deutschsprachigen, überregional agierenden und ideologisch homogenen „jihad- salafistischen Strömung“ (2012, S. 255) in Österreich. Die Autoren identifizieren die aus Afghanistan stammenden Prediger Abu Hamza und Abul Khattab, die als Ausgangspunkt für ihre Predigten die al-Sahaba Moschee im siebten Wiener Gemeindebezirk sowie die Internetplattform www.khutba.de wählten. Gemeinsam bereiteten sie die ǧihād-theoretischen Überlegungen von Muḥammad al-Maqdisī für ein deutschsprachiges Publikum auf. Nachdem das Projekt nach zwei Jahren zum Erliegen kam, ging daraus die Islamische Jugend Österreichs (IJÖ) sowie die Globale Islamische Medienfront (GIMF) hervor (ebd., S. 256).

Weitere Verbindungen salafistischer Netzwerke in Deutschland und Österreich ergeben sich durch die im Jahr 2008 im Raum Frankfurt am Main gegründete Gruppe Dawa FFM, die regelmäßig Islam-Seminare in Deutschland, Österreich und der Schweiz abhielt. Ein Video aus dem Jahr 2010 zeigt die Gruppe bei einer Veranstaltung in Wien. 2013 wurde Dawa FFM zusammen mit der Gruppe Internationaler Jugendverein ‒ Dar al Schabab e.V. von den deutschen Behörden verboten, da sich die Vereine laut Deutschem Innenministerium gegen die „verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung“ (Bundesverwaltungsgericht 2014) richten.

Eine in der militanten salafistischen Szene Österreichs besonders herausstechende Figur ist der österreichisch-ägyptische Dschihadist Mohammed Mahmoud. Mahmoud alias Abu Usama Al-Gharib pflegte ebenfalls gute Kontakte über die österreichischen Staatsgrenzen hinaus. Der 1985 in Wien geborene Mahmoud,  dessen Vater eine große Nähe zur ägyptischen Muslimbruderschaft nachgesagt wird (Schreiber 2014), gründete 2005 die Organisation Islamische Jugend Österreichs (IJÖ), die mittels Flugblätter ihrer Haltung gegenüber dem demokratischen System Ausdruck verlieh und zum Wahlboykott aufrief. Zudem gründete Mahmoud die Globale Islamische Medienfront (GIMF), die sich der Verbreitung islamistischer Propaganda nach dem Vorbild der al-Qāʿida verschrieben hatte. Er soll sich regelmäßig in der bereits erwähnten al-Sahaba Moschee im siebten Wiener Gemeindebezirk aufgehalten haben, die als salafistisch eingestuft wird. Seine Agitationen brachten Mahmoud ins Visier der österreichischen Justiz. Im September 2007 wurden er und seine Ehefrau nach vorgehender Observation von Sondereinheiten der Wiener Polizei festgenommen (Bobi, Lahodynsky, Meinhart & Satudinger 2007) und in der Folge wegen Bildung und Förderung einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt (Jusline 2008). Noch während seiner Haftzeit verfasste Mahmoud ein knapp 300-seitiges Schreiben, in dem er seine von Ablehnung gegenüber den westlich-demokratischen Systemen gekennzeichnete Weltanschauung und seine dschihadistischen Bestrebungen darlegte. In dem Pamphlet finden sich auch konkrete Schritte zur Schaffung eines ideologisch-propagandistischen Medienapparates, welche bereits teilweise die Methoden des Islamischen Staates (IS) vorwegnahmen (Ramsauer 2015). Nach Verbüßung seiner Haft reiste Mahmoud nach Deutschland und gründete die dschihadistische Bewegung Millatu Ibrahim mit gleichnamiger Moschee in Solingen, Nordrhein-Westfalen. Ein weiteres hochrangiges Mitglied der Organisation war Denis Cuspert alias Abu Talha Al Almani, der, ähnlich wie Mahmoud, später für den IS in Syrien aktiv war. Die Gruppe brachte ihre demokratiefeindliche Einstellung in einem Video wie folgt zum Ausdruck:

"Die Leute, die die Gesetze machen, die sind die Schlimmsten. (…) Wie kann ich auf so ’ne Leute ihre Gesetze hören. (...) Und diese anderen Politiker, die sind alle Dreck. Haben nichts anderes zu tun als Muslime zu unterdrücken, die Muslime schlechtzumachen. (...) Wir sind die Medizin. Der Islam ist die Medizin. Die Scharia ist die Medizin gegen die Krankheit Demokratie und Integration und diese westliche Ideologie. Und daher rufe ich zu (...) Jihad auf" (Bundesministerium des Innern 2012, S. 235).

In diesem Zitat kritisiert die Gruppe die weltliche Gesetzgebung sowie die Gesetzgeber. Diese Argumentationslinie ist bei vielen salafistischen Gruppen gängige Praxis. Für sie gelten von Menschen gemachte Gesetze als kufr oder širk. Die Argumentation solcher Gruppen lautet, dass einzig Gottes Gesetze in Form der šarīʿa zulässig seien. In einer Demokratie, in der Gesetze von Menschen erlassen werden, stellen sich diese auf eine Stufe mit Gott. Individuen, die von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, wählen eine Person an die Spitze der Gemeinschaft bzw. des Staates, die nicht nach den Gesetzen Gottes herrscht. Somit wird auch das Wählen zu einem Akt der Sünde. Aus der Sicht extremistischer Gruppen können diese Unrechtsherrschaften einzig mittels bewaffnetem Kampf bzw. ihrem radikalen Verständnis von ǧihād beseitigt werden.

Die Vernetzung des deutschen und des österreichischen salafistischen Milieus zeigt sich darüber hinaus auch in einem Video, in dem Mahmoud gemeinsam mit Abou Nagie von der Gruppe DWR auftritt (Spiegel TV 2012). Nach den Ausschreitungen in Solingen und Bonn im Mai 2012 – in der Folge von Demonstrationen gegen das Zeigen von Muhammad-Karikaturen auf einer Pro NRW-Demonstration, bei denen Personen aus dem salafistischen Spektrum DemonstrantInnen und Polizist*innen attackierten und verletzten – rechtfertigten Mahmoud und die Gruppe Millatu Ibrahim die Gewalt nicht nur, sondern erhoben sie darüber hinaus zur Pflicht im Sinne der Verteidigung des Islams. Die Gruppe wurde daraufhin am 29. Mai 2012 vom deutschen Innenministerium mit der Begründung verboten, sie verstoße gegen die „verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung“ (Bundesministerium des Innern 2012, S. 236). Mahmoud kam einer Ausweisung durch das Land Hessen zuvor und setzte sich mit Gleichgesinnten aus dem radikalen Netzwerk nach Ägypten ab, das nach der Übernahme des Präsidentenamts durch Muhammed Mursi an Attraktivität für Personen aus dem islamistischen Spektrum gewonnen hatte. Ebenso ist es denkbar, dass Ägypten als Transitland auf dem Weg in Konfliktgebiete genutzt wurde (ebd.; Flade 2012). Diese These wird dadurch gestützt, dass Mahmoud in der Folge über die Türkei, wo er 2013 für ein Jahr inhaftiert wurde, nach Syrien auszureisen versuchte. Nach seiner Freilassung reiste Mahmoud ins syrische Kampfgebiet und schloss sich dem IS an. Dort traf er auch auf einen alten Weggefährten aus seiner Zeit bei Millatu Ibrahim, Denis Cuspert alias Abu Talha Al Almani. Seit September 2014 arbeitete Mahmoud intensiv für die Terrororganisation IS, so half er beim Aufbau eines globalen Mediennetzwerks und der IS-Medienorganisationen Al-Ghuraba Media, Al Hayat Media Center und des Magazins Dabiq mit (Ramsauer 2015). Diese Organe richten sich in ihren auf Englisch, Deutsch und Französisch erscheinenden Beiträgen an ein europäisches, westliches Publikum. In seinen propagandistischen Videos und Beiträgen auf verschiedenen Social-Media-Portalen droht Mahmoud offen europäischen Machthabern, ruft Muslime in Europa zur Gewalt gegen die Ungläubigen auf und versucht sie dazu zu bewegen, sich dem Islamischen Staat in Syrien anzuschließen. Auch drastische Bilder von Gewalttatengehörten zur Medienstrategie (Flade 2015; Site Intelligence Group 2014). Im Oktober 2015 soll Mahmoud laut Medienberichten bei einem Drohnenangriff ums Leben gekommen sein (APA 2016).

Ein weiteres Beispiel eines österreichischen Dschihadisten mit internationalen Kontakten ist durch den Fall Maqsood L. belegt, einen Unterstützer der Deutschen Taliban Mujahedin (DTM). Bei seiner Verurteilung wurden ihm bei seiner Verhaftung sichergestellte Anschlagspläne zur Last gelegt. Maqsood L. wurde 2013 in Berlin zu sechs Jahren Haft verurteilt (Payreder 2013).

Ein weiterer wichtiger Akteur der radikalen salafistischen Szene in Österreich ist Mirsad Omerovic alias Ebu Tejma. Dieser gilt weithin als der Hauptideologe der radikalen salafistischen Szene in Österreich, aber auch weit über die Landesgrenzen hinaus. Omerovic wurde verschiedenen Berichten zufolge in der serbischen Kleinstadt Titun im Sandschak geboren und kam 1992 im Alter von elf Jahren nach Österreich (Seeh 2016; Zöchling 2016). Er studierte sechs Jahre lang die arabische Sprache und islamisches Recht in Saudi-Arabien. Als Prediger in der Altun-Alem- Moschee im zweiten Wiener Gemeindebezirk fiel Omerovic durch seine radikale, auf Ausgrenzung zielende Auslegung des Islams auf. In seinen zahlreichen Predigten, die online auf der Internetplattform YouTube verfügbar gemacht wurden, lehnt er offen das westliche, demokratische Modell ab und stellt diesem ein Leben nach islamischem Recht gegenüber. In einem Video erläutert er, dass die Gesetzgeber dem Willen Allahs, der das göttliche Recht an seinen Propheten herabgesandt habe, zuwiderhandelten und versuchten, sich auf eine Stufe mit ihm zu stellen. In seiner Argumentation macht sie das zu Ungläubigen (kuffār) – ebenso wie alle Personen, die diese Gesetze anerkennen (Ebu Tejma 2015). Omerovic erhebt das Konzept des takfīr – die Praxis, eine Person oder eine Gruppe, die sich der Häresie schuldig macht, der Apostasie zu bezichtigen – zur Pflicht für jeden Muslim. Personen, die wider besseren Wissens kein takfīr praktizieren, werden seiner Ansicht nach selbst zu Ungläubigen (Ebu Tejma 2015a). Omerovic hielt seine Predigten in Österreich und Deutschland meist auf Deutsch. Dieser Umstand macht ihn für eine breite Klientel, vor allem aber für Jugendliche mit unterschiedlichem Migrationshintergrund sowie für KonvertitInnen, interessant.

Bis zu ihrer Schließung im Frühjahr 2016 war die Altun-Alem-Moschee ein Treffpunkt der salafistischen Szene in Wien. Neben seiner Tätigkeit als Imam war Omerovic auch als Lehrer für den islamischen Religionsunterricht tätig. In diese Funktion war er von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) entsendet worden (Seeh 2016).

Omerovic unterhielt gute Kontakte zur bosnisch-salafistischen Szene. So soll er ein Vertrauter von Nusret Imamovic sein, dem ehemaligen Dorfvorsteher des abgeschotteten Ortes Gornja Maoča, einer Hochburg der Salafisten Bosniens, der sich 2013 mit seiner Familie nach Syrien abgesetzt haben soll (Wetz 2014). Ebenso soll Omerovic in engem Austausch mit dem in Wien lebenden und praktizierenden bosnischen Imam Hafidh Muhammed Fadil Porca stehen. Dieser betrieb den Verein zur Förderung der islamischen Kultur in Österreich mit der zugehörigen Tewhid-Moschee im zwölften Wiener Gemeindebezirk und gilt bosnischen Behörden zufolge ebenfalls als ein Hauptakteur der salafistischen Achse zwischen Bosnien und Österreich. Muhammed F. Porca soll bei der Finanzierung der salafistischen Szene in Bosnien und Herzegowina eine aktive Rolle gespielt haben. Gemeinsam sollen die Akteure ein Netzwerk aufgebaut haben, welches es Personen aus Europa ermöglicht haben soll, nach Syrien zu reisen (ebd.; Alic 2007).

Omerovic sitzt seit November 2014 in Haft. Bei einer in den Städten Wien, Graz und Linz im Rahmen der groß angelegten Operation Palmyra durchgeführten Razzia wurde er als einer von mehreren Verdächtigen verhaftet. Ihm wurde die Rekrutierung von Personen für die Terrororganisationen al-Qāʿida bzw. deren Syrien-Ableger Al Nusrah Front (Ǧabhat an-Nuṣra) und für den IS vorgeworfen. Omerovic wurde im Juli 2016 am Landesgericht für Strafsachen Graz u. a. wegen der Teilnahme an einer terroristischen Vereinigung (§ 278b StGB), wegen terroristischer Straftaten (§ 278c StGB) sowie der Teilnahme an einer kriminellen Vereinigung zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ihm wurde zur Last gelegt, Personen radikalisiert und für den ǧihād in Syrien angeworben zu haben (APA 2016). Für die daraus resultierenden Verbrechen musste sich Omerovic für Mord als Bestimmungstäter verantworten.

Die Tewhid-Moschee wurde nach dem Terroranschlag vom November 2020 geschlossen. Die Moschee wehrte sich rechtlich dagegen und war mit ihrer Beschwerde erfolgreich. Im April 2021 hat die Tewhid-Moschee ihre Rechtspersönlichkeit als Moscheegemeinde von der IGGÖ wieder zurückerhalten.

Neben Wien liegt ein weiterer Hotspot des militanten Salafismus in Österreich in Graz. Hier ist besonders die hauptsächlich von in Österreich lebenden Personen mit tschetschenischem Migrationshintergrund frequentierte Tawhid-Moschee zu nennen. Deren ehemaliger Imam wurde im Juni 2014 zum ersten Mal verhaftet, nachdem sich aus dem Umkreis der Moschee mehrere junge Männer nach Syrien begeben hatten. Dem Imam wurde vorgeworfen, die Personen radikalisiert und für den ǧihād angeworben zu haben. Nach seiner zweiten Verhaftung wurde der Prediger im März 2016 zu sechs Jahren Haft verurteilt (APA 2016). Im Gegensatz zu anderen salafistischen Moscheen, wie beispielsweise der Altun-Alem-Moschee in Wien, die von Personen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen besucht wurden, zählten zu den BesucherInnen der Tawhid-Moschee hauptsächlich Personen mit tschetschenischem Migrationshintergrund.

Durch das schärfere Vorgehen der österreichischen Behörden gegen das radikale salafistische Milieu wurde ein Teil ihrer exponiertesten Vertreter zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und deren Infrastruktur geschwächt. Ob dies einen nachhaltigen Effekt hat oder lediglich Symptombekämpfung betrieben wurde und sich die Bewegung verlagert, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen. Viel wird auch von den globalen Entwicklungen sowohl in den muslimischen als auch in den nichtmuslimischen Ländern abhängen.

Anmerkungen

Racimora, W. (2013). Salafist/wahhabite financial support to educational, social and religious institutions. Brüssel. Europaen Union, S. 15 (The funding from the Bosnian diaspora in Vienna).

weitere Referenzen in diesem Text sind aus dem Beitrag von:
Aslan, E.; Ersan-Akkilic, E. (2017). Islamistische Radikalisierung Biografische Verläufe im Kontext der religiösen Sozialisation und des radikalen Milieus. Wien: IITS, in: https://iits.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_iits/Pictures_colleagues/radikalisierung_2017_07_19_onlineversion_einzelseiten.pdf, S.49-93.

 

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Adresse: 
Murlingengasse 61
Ort: 
1120 Wien
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Herkunft: 
Bosnien
Gegründet: 
Mittwoch, April 30, 1997
Moschee: 
Tewhid Moschee
Verbindung ins Ausland: 
Überwiegend Bosnien Herzegowina, International gut vernetzt.
Ausrichtung: 
Salafistisch
ZVR: 
231815464